Es ist Gründonnerstag 1948. Dieser Tag ist mir in Erinnerung geblieben, als hätte ich geahnt, wie er mein Leben beeinflussen wird. Ich war damals neun Jahre alt. Ich spielte mit meinen Geschwistern und Freunden auf der Straße. Da kam "sie", ein junges hübsches Mädchen, sehr dünn und ausgehungert, die Straße zu uns herunter. Sie fragte nach unserer Adresse und ich wusste, das war sie also.
Angefangen hatte alles an einem Tag im März. Eine Frau, die Klöppelspitzen verkaufen wollte, klopfte bei uns an. Für Klöppelspitzen hatten wir zur damaligen Zeit weder Geld noch Verwendung, aber meine Mutter bot ihr eine Tasse Milch und Brot an, was sie gerne annahm.
Dann unterhielten sich beide und erzählten aus ihrem Leben. Meine Mutter bewirtschaftete eine kleine Landwirtschaft und ernährte die Familie. Ich hatte noch einen Bruder, elf Jahre, und eine Schwester, zwölf Jahre. Mein Vater war seit Mai 1944 vermisst. Meine Großmutter war fürs Kochen zuständig, die Arbeit auf dem Feld und im Stall erledigte meine Mutter. Wir Kinder mussten auch nach unseren Kräften mithelfen.
Die "Klöppelfrau", ich nenne sie so, weil ich ihren Namen nicht weiß, fragte, ob wir nicht eine Hilfe gebrauchen könnten, und sie erzählte von einem Mädchen, das aus Ostpreußen vor den Russen geflohen war und alleine in Thüringen lebte. Die Mutter war an Typhus gestorben, der Vater von den Russen umgebracht worden und ihren jüngeren Bruder hatte sie auf der Flucht verloren.
Das Ganze hatte natürlich einen Haken. Legal konnte Gertrud, so hieß das Mädchen, nicht zu uns kommen, und Papiere besaß sie auch nicht. Sie sollte schwarz über die Grenze gebracht werden. Was das alles bedeutete, verstand ich damals noch nicht, aber dass es nicht ungefährlich war, hörte ich aus dem Gespräch. Ein junger Mann sollte Gertrud nachts über die Grenze bringen und mit einer Fahrkarte nach Schweinfurt in den Zug setzen. Meine Mutter war von dem Schicksal des Mädchens sehr berührt und versprach, Gertrud bei uns aufzunehmen.
Ja, und jetzt war sie da, 19 Jahre jung, ohne Illusionen, aber voller Zuversicht und Dankbarkeit für ein Dach über dem Kopf. Wir waren bestimmt nicht reich, aber Hunger mussten wir nicht leiden, denn alles, was wir brauchten, bauten wir in unserem Garten und auf dem Feld an und wir hatten auch einige Kühe, die uns mit Milch versorgten. Also wurde Gertrud von meiner Mutter so richtig "rausgefüttert". Nach einigen Wochen war aus dem ausgehungerten Mädchen ein richtig molliges Mädchen geworden.
Ich kann sagen, wir waren uns alle gleich sympathisch, und Gertrud lebte bei uns richtig auf. Unsere Familie hatte sich vergrößert um eine Tochter, Schwester, und Gertrud hatte eine neue Mutter. Sie hatte also eine neue Familie gefunden. Nach und nach stellten sich ihre vielfältigen Fähigkeiten heraus. Sie konnte nähen und stricken und sie zauberte aus Woll- und Stoffresten schöne Kleidungsstücke für uns Mädchen. Aber auch bei der Feld- und Gartenarbeit und im Stall war sie meiner Mutter eine große Hilfe. Nach und nach kam ihre Fröhlichkeit zurück, und sie fühlte sich bald wie zu Hause.
Leider klappte es trotz intensiver Bemühungen unseres damaligen Bürgermeisters noch immer nicht, Ausweispapiere zu bekommen. Eines Tages kam eine Aufforderung, Gertrud solle sich in Hof in einem "Lager" melden. Ich höre sie noch sagen, da geh ich nicht hin, da werde ich abgeschoben. Unser Bürgermeister war der gleichen Meinung und sagte: Du bleibst hier, wir warten erst mal ab, dann sehen wir weiter.
Und sie hatte Glück. Irgendwie normalisierten sich die Verhältnisse, sie hörte nichts mehr aus Hof und irgendwann klappte es auch mit den Papieren. Nun bemühte sich meine Mutter, für Gertrud Arbeit zu finden. Und auch da hatte sie Glück. Sie bekam Arbeit in der Großindustrie in Schweinfurt und konnte erstmals richtig Geld verdienen und für ihre Aussteuer sparen.
Sie lernte dann ihren späteren Mann kennen. Meine Mutter richtete die Hochzeitsfeier bei uns zu Hause aus und überließ ihnen zwei Zimmer, in denen sie wohnen konnten. Nach der Geburt des ersten und zweiten Kindes übernahm meine Mutter die Tagesbetreuung der Kinder, so dass Gertrud noch weiterarbeiten konnte. Es musste ja der gesamte Hausstand angeschafft werden. Unsere Familie übernahm die Patenschaft für die Kinder und sie waren für uns wie Nichten und Neffen. Nach der Geburt des dritten Kindes zogen sie in eine größere Wohnung im gleichen Ort, und nun konnte sie die Erziehung ihrer Kinder selbst übernehmen. Es wurde ihr noch ein viertes Kind geschenkt, und sie widmete sich ganz ihrer Familie.
Die Zeit ging ins Land, und auch ich wurde erwachsen und heiratete. Als unsere Tochter geboren wurde, übernahm sie die Tagespflege, so dass ich meinen Beruf weiter ausüben konnte. Eine bessere Betreuung hätte ich nicht finden können, meine Tochter liebte ihre Tante über alles, und sie wuchs mit deren Kindern wie in einer Großfamilie auf. Als nach weiteren fünf Jahren unser Sohn geboren wurde, arbeitete ich in Teilzeit, und wie selbstverständlich übernahm sie auch jetzt die Betreuung. Ich war ihr sehr dankbar, denn ich liebte meinen Beruf und konnte so Familie und Beruf gut miteinander verbinden. Auch unsere jüngste Tochter wurde von Tante Gertrud betreut.
Der Kreis schließt sich. Mein Bruder heiratete Gertruds Tochter und jetzt waren wir tatsächlich "verwandt". Auch hier half sie bei der Betreuung der Kinder. Leider verstarb ihr Mann mit 59 Jahren an einer schweren Krankheit. Ein neuer Lebensabschnitt begann für sie, der nicht leicht war. Aber sie war eine tief religiöse Frau und im Vertrauen auf Gott und im Gebet fand sie Kraft und neuen Mut. Ihr täglicher Gang zum Friedhof und in die Kirche war ihr selbstverständlich. Im Januar feierte sie mit ihren Kindern, Enkeln, Urenkeln und Freunden ihren 80. Geburtstag. Es war ein wunderschönes Fest.
Als ich im Sommer die Einladung zum Schreibwettbewerb "Zeitreise" über den KDFB erhielt, fragte ich sie, ob ich ihre Geschichte erzählen dürfe, und sie stimmte zu. Wir sprachen nochmals über diese Zeit und wie sich alles doch zum Guten gewendet hatte. Über 60 Jahre lebte sie nun schon in O. und sie hatte hier wirklich eine neue Heimat gefunden. Ich besuchte sie fast täglich oder wir telefonierten miteinander. Sie erzählte mir noch, wie sie nachts über die Grenze gebracht wurde, über die Angst, entdeckt zu werden, über die Zugfahrt, über die Angst, nach den Papieren gefragt zu werden und wieder zurückzumüssen. Nur über die Flucht aus Ostpreußen vor den Russen sprach sie nicht. Es müssen schreckliche Erlebnisse für sie gewesen sein.
Wir verblieben so, dass ich bei Gelegenheit mit Notizblock bei ihr vorbeikommen und alles noch Unklare mir ihr bereden wolle. Wie es manchmal so geht, ich schob es immer vor mir her und diese Lebensgeschichte wäre wahrscheinlich nicht mehr geschrieben worden, wenn dieses Leben nicht plötzlich geendet hätte. Am 21. September 2009 erlitt sie einen schweren Schlaganfall und starb am 25. September 2009, ohne das Bewusstsein nochmals erlangt zu haben. Wir haben uns in einer würdigen Trauerfeier in großer Dankbarkeit von ihr verabschiedet.
Ich verdanke ihr sehr viel und darum schreibe ich noch unter dem Eindruck dieses Verlustes diese Lebensgeschichte. Ich denke, sie darf nicht verloren gehen.