Inhaltsverzeichnis

"Kommet doch zu os! Mir nehmet Euch!" von Margit Schmidt

Ins Schwäbische verschlug es Margit Schmidt. Dort musste das "Flüchtlingskind" erst einmal eine neue Sprache lernen

Nach einer schweren Operation liege ich in der Tübinger Universitätsklinik und warte geduldig, dass meine Genesung voranschreitet. Ich habe viel Zeit, mein bisheriges Leben zu überdenken und dankbar dafür zu sein, was ich alles überstanden habe. Da mein Wohnort Geislingen/Steige recht weit entfernt liegt, rechne ich nicht mit Besuch. Doch plötzlich klopft es an die Tür und - wie ein Sonnenstrahl aus dichten Wolken -schaut ein hübsches Gesicht durch den geöffneten Türspalt herein. Ich kann es nicht glauben: Es gehört zu meiner Freundin Ellen. Sie ist die Tochter, Enkelin beziehungsweise Nichte dreier schwäbischer Familien, die sich nach unserer Vertreibung aus der südmährischen Heimat für uns als wahre Wohltäter erwiesen haben. Wir sehen uns zwar nicht sehr häufig, doch unsere schriftlichen und telefonischen Kontakte sind regelmäßig und voller Wärme und Interesse an unserem Befinden, unseren Erlebnissen und Plänen.

Ich gehöre zu den ersten Menschen, die Ellen schon wenige Stunden nach ihrer Geburt im Elternhaus bestaunen durften. Das ist inzwischen 63 Jahre her, und ich war damals ein Mädchen von sieben Jahren. Bei unseren Begegnungen kommen wir immer wieder gern auf Zeit und Umstände unseres Kennenlernens zu sprechen. Stets ruft die Erinnerung an meine Kindheit ein tief verwurzeltes Gefühl großer Dankbarkeit und inniger Verbundenheit mit Ellens Angehörigen in mir wach.

Am 27. März 1946 begann unser neues Leben in Deutschland. Wir, das waren meine 70-jährigen Großeltern, meine 33-jährige Mutter und ich, waren jetzt zwar frei und sicher vor den russischen Besatzern, denen wir während unserer zehnmonatigen Evakuierungszeit in Niederösterreich ausgesetzt gewesen waren, befanden uns jedoch in großer seelischer und wirtschaftlicher Not. Nach einer langen Odyssee waren wir endlich, aus einem Lager im württembergischen Unterjettingen bei Herrenberg kommend, in Darmsheim im Kreis Böblingen in der uns zugewiesenen "neuen Heimat" angekommen. Mein Vater galt damals als vermisst und kam erst spät aus der Kriegsgefangenschaft zurück.

Gott ergeben harrten wir in der örtlichen Turnhalle der Dinge, die auf uns zukommen würden. Die Bauersleute des Dorfes kamen, um nach Arbeitskräften für ihre Landwirtschaft Ausschau zu halten. Viele der Männer waren noch in Kriegsgefangenschaft, vermisst oder gar gefallen. Doch bei uns Vertriebenen standen ebenfalls nur ältere Leute oder Frauen mit Kindern zur "freien Auswahl". Die Szenerie von damals erinnert heute an einen Sklavenmarkt. Aber wir hatten längst Würde und Stolz verloren, waren fast apathisch und klagten nicht.

Eine alte Bäuerin blieb vor meiner Mutter stehen und sagte mit kritischem Blick: "I glaub´, Du kaascht `et schaffe!" und ging weiter. Obwohl der schwäbischen Mundart nicht mächtig, spürte meine lebenstüchtige Mutter die Geringschätzung und Ablehnung der Alten, und die Tränen rannen ihr übers Gesicht. Lange saßen wir mit unseren paar Habseligkeiten da, bis schließlich zwei Rotkreuz-Mädchen diese auf ein Leiterwägelchen luden und mit uns durch das Dorf zogen. Vor einem großen weißen Haus hielten sie an. Hier sollten wir einquartiert werden. Die einheimische Bevölkerung war durchaus darauf vorbereitet worden, dass sie den ankommenden "Flüchtlingen", wie wir von nun an hießen, Wohnraum zur Verfügung stellen müsse, doch waren manche Menschen damit nicht einverstanden oder schlichtweg überfordert. Hier hatten wir jedenfalls kein Glück: Die Hausfrau bedachte uns mit den schlimmsten Schimpfwörtern und schloss wütend das Fenster.

Ratlos und verzweifelt standen wir immer noch auf der Straße. Da ertönte plötzlich und völlig unerwartet aus dem angrenzenden Garten eine wahre Engelsstimme: "Kommet doch zu os, mir nehmet Euch." Eine junge, hochschwangere Frau - Ellens Mutter - lächelte dabei so freundlich, dass wir ihrer Aufforderung nur allzu gern folgten. Im sehr viel kleineren Haus als dem der bösen Nachbarin wohnten: ein Ehepaar, etwas jünger als meine Großeltern, ihre beiden Töchter samt Ehemännern sowie die sechsjährige Margot - Ellen war noch nicht geboren, aber bereits unterwegs.

Meine Großeltern wurden mit großer Freundlichkeit aufgenommen. Ein kleines Zimmer mit frisch bezogenen Betten stand bereit, und auch für Wäsche war schon gesorgt. Die herzensgute Hausfrau - "unsere" Mariele Greiner - ließ meine Großmutter ihre Küche mitbenutzen und gestattete ihr, ohne zu fragen, im Keller Kartoffeln, Sauerkraut und anderes Gemüse zu holen. Ich weiß es noch gut: Damals gab es bei uns recht oft Sauerkraut zu essen!

Meine Mutter und ich hatten nicht ganz so viel Glück mit unserer Unterkunft. Die Frau, bei der wir untergebracht wurden, brachte meine Mutter bereits am Morgen nach unserer Ankunft just zu jener greisen Bäuerin, die uns am Vortag in der Turnhalle noch abgelehnt hatte. Diese erkannte meine Mutter wieder, aber weil sie eine Arbeitskraft benötigte, sage sie: "Probieret mer´s halt." Ein dreiviertel Jahr leistete meine Mutter schwere Arbeit in der verwahrlosten Bauernwirtschaft (der Sohn war im Krieg geblieben). Während dieser Zeit gab es so manche Vorkommnisse, über die man besser schweigt, zum Teil heute aber auch schmunzeln kann. Die unterschiedliche geographische Herkunft verursachte besonders in der Anfangszeit sprachliche Verständigungsschwierigkeiten. So wusste meine Mutter mit dem Begriff "Seagascht" nichts anzufangen. Er bedeutet Sense. Oder: "Hol Grombiere ruff", womit Kartoffeln (auf Südmährisch Erdäpfel) gemeint waren.

Einmal fragte die stets misstrauische Bäuerin meine Mutter: "Hosch Du mein Milchhafa gstohla?", worauf meine Mutter gekränkt und entrüstet entgegnete, so etwas tue sie nicht. Als die Bäuerin einige Tage später ihren Milchtopf auf der Treppe, wo sie ihre Katzen gefüttert hatte, wiederfand, war viel Vertrauen gewonnen. Das zeigte sich besonders, als die Bäuerin sich meiner Mutter eines Tages in großer Gewissensnot anvertraute: Sie habe ihrem vor langer Zeit verstorbenen Mann Gottlieb im Sarg einen alten Anzug und nicht den Sonntagsanzug angezogen. Sie müsse ja nun auch bald sterben und habe Angst vor einem Wiedersehen mit ihm und der zu erwartenden Strafe Gottes. Meiner Mutter gelang es jedoch, sie zu beruhigen.

Den in Naturalien erhaltenen Lohn wie Milch, Eier, Brot und so weiter musste meine Mutter bei unserer Quartiersgeberin abliefern. Einmal fragte diese meine Mutter, woher wir stammten. Auf die Antwort "aus Südmähren" meinte sie: "Soo, ja henn Sie do au übers Meer müsse?"

Meine Mutter und ich besuchten meine Großeltern oft und kannten Familie Greiner deshalb gut. Eines Tages beschlossen die Bewohner des Hauses Aidlinger Str. 8 aus eigenem Antrieb, auch uns beide aufzunehmen. Das junge, kinderlose Ehepaar überließ uns vieren ein Zimmer in der oberen Etage sowie seine kleine Küche. Die junge Frau teilte für die nächsten Jahre die Küche wieder mit ihren Eltern. So kam es, dass wir mit diesen guten Menschen beinahe fünf Jahre auf engem Raum, aber dennoch in großer Harmonie und gegenseitiger Achtung, ja in Freundschaft zusammenlebten.

Als meine Mutter nach einem Jahr in einer Uhrenfabrik in Sindelfingen Arbeit fand, wollte sie freiwillig Miete bezahlen, doch unser Hausherr, der gute Herr Greiner, lehnte dies mit den Worten ab: "Berta, kommet Ihr no erscht amol wieder zu ebbes. Ihr brauchet no so viel, mir nehmet nix von Euch."

Als die kleine Ellen Ende Mai 1946 geboren wurde, wuchsen wir drei Mädchen - neben Ellen deren sechsjährige Schwester Margot und ich, Margit, fast wie Geschwister in dem kleinen Haus auf. Auch die beiden Töchter des alten Ehepaares mit Namen Erna und Mina verstanden sich mit meiner Mutter wie gute Schwestern. Wie wohl taten uns Entwurzelten diese ungezwungene Herzlichkeit und das Vertrauen! Diese wunderbare Beziehung wurde von allen bis ins hohe Alter, bis zum Ableben mit Briefen und gegenseitigen Besuchen gepflegt.

Mein Schulalltag und die Eingliederung unter die einheimischen Kinder verliefen aus meiner Sicht ohne wesentliche Probleme. Ein Viertel meiner Mitschüler waren Heimatvertriebene. Nach wenigen Monaten sprachen wir Fremden mit schwäbischer Zunge. Natürlich wurde man gnadenlos ausgelacht, wenn einmal ein Wort danebenging. Aber so sind Kinder eben. Freilich hatten wir "Flüchtlingskinder" uns in einer gewissen devoten Haltung in der Rolle als Bittende zu üben, denn die einheimischen Kinder besaßen Spielsachen, die wir in der alten Heimat hatten zurücklassen müssen. So hieß es dann oft: "Lesch Du mi amol mit Deine Stelze laufe?" - "Derf i mit Deiner Radlrutsch fahre?" - "Nemsch Du mi mit Deim Schlitte mit?" - "Lass mi doch amol mit Deim Fahrrädle fahre!" Das war sicherlich für beide Seiten ein wichtiger Lernprozess und gut für unsere soziale Entwicklung zu mitmenschlichem Denken und Handeln.

Auch heute im Krankenhaus sprechen wir wieder einmal über die alten Zeiten. "Weißt Du noch ...?", heißt es da. Und auf manche Anekdote erwidert die jüngere Ellen: "Das habe ich nicht mehr gewusst."

Unsere beiden Großväter saßen gern ein Stündchen beisammen, politisierten und sprachen auch über Südmähren. Mein Großvater war früher Mühlenbesitzer und Bürgermeister einer großen Gemeinde gewesen. Herr Greiner interessierte sich sehr für unsere Heimat und unser Schicksal. Die Gespräche waren oft geprägt von den damals üblichen Spekulationen über erhoffte oder zu erwartende politische Entwicklungen, denn in den ersten Jahren mochte kaum einer an die Endgültigkeit der Vertreibung glauben.

Ellens ältere Schwester Margot war meine Schulfreundin. Sie lebt leider nicht mehr. Wir verbrachten viel Freizeit miteinander und vertrugen uns immer gut. Im Sommer waren wir meistens auf der "Gass". Wir kannten viele Spiele und waren auch richtige kleine Ballkünstlerinnen. Ich habe später niemals wieder Kinder gesehen, die an einer Scheunenwand Ball spielten. In der kalten Jahreszeit genossen wir die heimeligen Stunden im kleinen Wohnzimmer von Familie Greiner. Ach, war das schön, wenn der Greiner-Opa uns beide auf seinen Knien sitzen hatte und uns Geschichten erzählte oder auf der Zither spielte. Ganz selbstverständlich gehörte ich wie ein drittes Enkelkind dazu. Manchmal backte Frau Greiner Waffeln, was den Gipfel aller Genüsse darstellte, denn mit Süßigkeiten waren wir wahrlich nicht verwöhnt.

Einmal bekam ich zum Geburtstag von meiner lieben Familie Greiner ein besonderes Geschenk: das Buch "Erdmut" von Hans Watzlik. Ich las es mit Begeisterung, doch konnte ich damals noch nicht verstehen, mit wie viel Liebe und Einfühlungsvermögen sie das von unserem sudetendeutschen Schriftsteller verfasste Buch ausgewählt hatte. Meine Mutter freute sich über diese herzliche Geste ganz besonders.

Ein anderes Mal, aber nicht bei "unseren Greiners", machte ich jedoch eine schlimme Erfahrung. Als meine Mutter noch beim Bauern arbeitete, trieb es mich bisweilen aus Sehnsucht zu ihr hinaus aufs Feld. Ein einheimisches Nachbarsmädchen begleitete mich. Wir hüpften die von Apfelbäumen gesäumte Straße entlang. Es war Herbst und Reifezeit, doch wir hatten nicht die Absicht, uns nach einem Apfel zu bücken und hielten auch nichts in den Händen. Meine Mutter erblickte uns vom Feld aus. Im selben Moment fing sie auch schon an, auf uns zuzulaufen, so schnell sie nur konnte. Sie hatte das drohende Unheil erkannt, konnte es aber nicht verhindern. Hinter uns ahnungslosen Kindern kam keuchend ein Feldschütz angerannt. Er schwang seinen Knüppel, und schon sauste dieser auf meinen Rücken nieder. Er schrie: "Flüchtlingspack, Euch zeig´ ich´s!" Ich war ein schwächliches Kind, hatte auf unserem Vertreibungsweg 8 Kilogramm abgenommen und wog mit sieben Jahren nur 17 Kilogramm (wir wussten das deshalb so genau, weil ich ein Jahr zuvor auf Großvaters geeichter Mühlenwaage 25 Kilogramm gewogen hatte). Meine Mutter bebte vor Angst und Zorn. Sie schrie den Mann an, packte den Überraschten und trommelte gegen seine Brust, so fest sie nur konnte. Wir meldeten den Vorfall aber nicht, denn wer hätte sich damals schon einer solchen Sache angenommen? Hauptsache, ich trug keinen bleibenden Schaden davon.

Als das gute Mariele Greiner davon erfuhr, streichelte sie mich voller Mitleid und tröstete mich mit den Worten: "Du armes Mädle, was hot Dir der bese Ma dao? Do hosch zwoi Eula (Eier), Dei Mama soll se Dir glei mache, no wird´s wieder guat." Und tatsächlich, alles wurde schnell wieder heil: Seele und Rücken.

Der Tod von Paul (1955) und Mariele Greiner (1964) war äußerst schmerzlich für mich. Meine Zuneigung und die große Verehrung, die ich für sie empfinde, halten mein Leben lang ungebrochen an. Auch die nächste Generation, die unserer Eltern, lebt schon lange nicht mehr. Als Ellens und Margots Mutter zu Grabe getragen wurde, fuhr ich von meinem Wohnort München zur Beisetzung. Als der Pfarrer mit seiner Ansprache geendet hatte, war es mir ein Herzensbedürfnis, unserer lieben Erna spontan zu danken. Alle sollten es hören:

"Kommet doch zu os, mir nehmet Euch!"

Was dieser Satz doch alles aussagt: Ja, wir nehmen Euch auf, ohne jeden Vorbehalt, ohne zu wissen, wer Ihr seid - ob gesund oder krank, stark oder schwach, klug oder ungebildet, zuversichtlich oder verbittert, katholisch oder protestantisch. Dass wir bettelarm waren, war ja unschwer zu erkennen.

Ellen hat mir ein schönes Buch in die Klinik mitgebracht; diesmal zwar keines von einem sudetendeutschen Schriftsteller - davon habe ich ohnehin eine große Sammlung. Ellen ist eine moderne, immer noch jugendlich wirkende Frau und hat das herzliche Wesen, die Menschenfreundlichkeit sowie das glockenhelle Lachen ihrer Mutter geerbt. Auf die gleiche Weise wie einst ihre Mutter meine Familie und mich, so hat sie mich heute beschenkt.

Eines Tages wird es auch unsere Generation nicht mehr geben; aber durch das Sammeln von Berichten über vorbildliche Menschen, wie ich sie selbst erleben durfte, bleiben Solidarität und Menschlichkeit in schwerer Zeit unvergessen und wirken beispielgebend weit über den Tag sowie die Moden, Trends und anderen gesellschaftlichen Entwicklungen hinaus. Diese Form von Reichtum ist unvergänglich und verweist auf die wahren Werte in einer immer orientierungsloser werdenden Welt.

Foto: Sudetendeutsches Archiv München