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Gedankennebel -- Eine Kurzgeschichte von Ursula Stenger

Titel 1

aus KDFB Engagiert -- Die Christliche Frau 8+9/04

 

Ich laufe wie in einem Nebel, obwohl die Sonne scheint. "Wo bin ich? -- Wer bin ich? -- Träume ich?"  

Die Leute gehen an mir vorbei. Manche lächeln mich an und grüßen mich. Ich möchte jemanden anhalten und fragen: "Wo muss ich hin? Kennst du mich?" Aber mir fehlen die Worte. Der Nebel in meinem Kopf wird immer dichter. Müde irre ich umher, friere und weiß nicht, wohin ich soll. Dabei will ich nach Hause, heim zu meiner Mutter. Aber wo ist daheim?

Plötzlich kommt eine junge Frau auf mich zu gelaufen. Sie weint, nimmt mich in ihre Arme und drückt mich fest an sich. Sie schluchzt: "Wo warst du? Wir haben dich seit Stunden überall gesucht!"

 

Ich weiß nicht so genau, was ich ihr antworten soll. "Ich war spazieren", sage ich und lächle die Frau an. Sie ist nett, und ich mag sie.

 

"Wie gehörst du zu mir?", will ich von ihr wissen.

 

Sie fängt wieder an zu weinen und meint verwundert: "Aber Mama, kennst du mich nicht mehr? Ich bin deine Tochter."

 

Ein Kindergesicht verfestigt sich in meinem Kopf. "Aber meine Tochter ist noch ein kleines Mädchen", beharre ich. "Bist du meine Mutter?", will ich nun wissen. Die Frau schüttelt traurig den Kopf. Sie nimmt mich an der Hand, hält sie ganz fest und führt mich zu einem Auto.

 

"Komm Mama, wir fahren nach Hause." Ich schaue die nette Frau dankbar an. Sie scheint zu wissen, wo zu Hause ist. "Sicher bin ich bald bei meiner Mutter", denke ich. Aber zu Hause ist keine Mutter. Nur ein alter Mann und zwei Kinder. Die Kinder kommen herbei, drücken mich und freuen sich. "Gut, dass du wieder da bist, Oma! Opa ist sauer, weil du weggelaufen bist."

 

"Ich bin nicht weggelaufen, ich war nur spazieren", berichtige ich die Kleinen. Opa ist anscheinend der alte Mann, der so griesgrämig dreinschaut und mich anherrscht: "Keine Sekunde kann man dich aus den Augen lassen." "Reg dich nicht auf, Papa", beruhigt ihn die junge Frau. "Mutti macht das nicht absichtlich." "Natürlich macht sie mir das zu Fleiß", schimpft der eklige Alte. "Sie wollte heim zu ihrer Mutter", sagt die Frau. Ich nicke zustimmend und frage: "Wo ist meine Mutter?" Die Frau fängt wieder zu weinen an. Der alte Mann schaut mich ganz komisch an. Er tätschelt meine Hand und meint: "Frau, das wird schon wieder besser." "Lass mich", stoße ich seine Hand angewidert weg, "ich weiß schon, was die Buben wollen."

 

"So ist sie immer zu mir. Ich darf sie nicht einmal mehr anfassen", regt sich der Mann auf. "Papa, das hat doch keinen Sinn, dass du dich ärgerst", beruhigt ihn die Frau. "Komm Mutti, du bist ja ganz ausgekühlt. Am besten nimmst du jetzt ein schönes warmes Bad,  das beruhigt und wärmt dich wieder auf."

 

Sie führt mich in ein Badezimmer und hilft mir beim Ausziehen. Ich schäme mich, ich kann mich doch nicht nackig vor ihr zeigen. Aber sie beachtet meine Einwände nicht, sondern zieht mich immer weiter aus, und ich schäme mich immer mehr. Sie hilft mir nun in die Badewanne und wäscht mich. Leise summt sie ein Lied vor sich hin, und ich entspanne mich.

 

Nach dem Baden trocknet die Frau mich ab und hilft mir in ein angewärmtes Nachthemd. Sie führt mich in ein Schlafzimmer, das sehr hübsch eingerichtet ist. "So Mutti, du brauchst vor allem Ruhe. Am besten legst du dich gleich in dein Bett." Das kleine Mädchen kommt herein und bringt mir eine Tasse heiße Milch mit Zwieback. Woher weiß die Kleine nur, dass ich das so gerne mag?

 

"Hier Oma, du bist sicher hungrig." Ich schaue ängstlich zur Tür. "Die Buben müssen draußen bleiben", sagt das Mädchen. "Mama hat ihnen verboten reinzukommen." Sie lächelt genauso freundlich wie die Frau neben mir.

 

"Danke, mein Butzerl!" sage ich.

 

"Siehst du, Mama, Oma hat mich erkannt. Sie sagt doch sonst auch immer mein Butzerl zu mir", freut sich das Mädchen und gibt mir einen dicken Kuss. "Schlaf gut, Mama, und träume was Schönes. Morgen ist sicher wieder alles in Ordnung", sagt nun auch die Frau, küsst mich und geht mit ihrer Tochter aus dem Zimmer. Ich bin wieder allein. Allein mit meinen Gedanken. Ich fühle mich wohl in dem Bett. Doch ich wäre am liebsten zu Hause. Zu Hause bei meiner Mutter. Aber ich werde jetzt erst einmal schlafen. Vielleicht weiß ich ja morgen, wer ich bin.