In Deutschland suchen rund eine Million Männer jeden Tag eine Prostituierte auf. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie dabei auf Frauen treffen, die sich nicht freiwillig prostituieren.
Sie heißen Elena, Natalia oder Svetlana. Sie sind 16, 20, selten über 25 Jahre alt. Sie kommen aus Weißrussland, Bulgarien oder der Ukraine und sind bettelarm. Ihr größter Wunsch: in "Europa" zu arbeiten. Zu Hause sehen sie keine Zukunft. Wer geht, kann verlieren, wer bleibt, hat schon verloren - ist eine fatalistische Einstellung, die viele teilen.
Auch Elena, 20, hat den Weg in ein fremdes Land gewagt. Aber sie hat nichts gewonnen, sondern alles verloren: ihr Selbstvertrauen, ihre Lebensfreude, ihre Hoffnungen. Lebensläufe wie der von Elena werden von deutschen Hilfsorganisationen akribisch dokumentiert.
Als Elena eine Tochter zur Welt bringt, verlässt sie ihr Freund. Sie steht alleine da. Wie soll sie sich und die Kleine ernähren? Sie greift nach einem Strohhalm, meldet sich auf eine Anzeige, die Arbeit in Deutschland verspricht, lässt ihr kleines Kind bei den Großeltern und reist nach Westen. In Hamburg wird sie von Landsleuten erwartet, die ihr den Pass abnehmen unter dem Vorwand, eine Arbeitserlaubnis zu
besorgen. Sie wird sofort in ein Bordell gebracht. Dort wird ihr gesagt, sie habe keine Alternative zur Arbeit in der Prostitution, da sie illegal in Deutschland sei und wegen der Reisekosten Schulden beim Bordellbesitzer habe. Als Elena sich weigert, wird sie tagelang an Ketten gefesselt in den Keller gesperrt. Als der Bordellbesitzer droht, ihre Familie zu ermorden, sieht Elena keinen anderen Ausweg, als zu tun, was von ihr erwartet wird.
In der folgenden Zeit hat sie jede Nacht neun bis zehn Freier. Sie arbeitet bis zu 15 Stunden am Stück. Wenn sie sich weigert, weil sie zu erschöpft oder zu angewidert ist, macht sie der Bordellbesitzer mit Schlägen gefügig. Sie sieht keine Chance zu fliehen, bis es endlich eine Polizei-Razzia gibt.
Mit Frauenhandel wird mehr Geld verdienst als mit Drogenhandel
Es gibt sehr viele Frauen wie Elena. Und sie bringen ihren Peinigern viel Geld ein. Mit Frauenhandel wird weltweit mehr Geld verdient als mit illegalem Waffen- oder Drogenhandel, heißt es in UN-Angaben. "Das Dunkelfeld ist riesig", weiß Ordensfrau Lea Ackermann, die seit zwanzig Jahren gegen Zwangsprostitution kämpft. Mit ihrer Hilfsorganisation Solwodi, die der Frauenbund unterstützt, bringt sie Opfer in Schutzwohnungen unter und begleitet sie durch Menschenhandelsprozesse. Sie kennt die Wunden der Opfer: "In unserer Passauer Schutzwohnung war eine Frau ein Vierteljahr, bevor sie sich traute, auf die Straße zu gehen. Und eine 16-Jährige saß in der ersten Woche, nachdem sie zu uns kam, im Bett und hat die Decke über den Kopf gezogen." Ein anderes Opfer hatte sogar einen Milzriss, weil sie brutal geschlagen worden war. Einer weiteren Frau, so Lea Ackermann, hatte man angedroht, dass man sie umbringt und ihre Organe verkauft.
In Hinterzimmern von deutschen Kneipen, in privaten Wohnungen spielt sich diese moderne Form der Sklaverei ab, aber auch in konzessionierten Bordellbetrieben, die die Polizei kontrolliert. "Eine Frau berichtete, sie sei neun Monate eingesperrt gewesen und habe keinen einzigen Tag das Tageslicht gesehen", sagt Lea Ackermann. Vor einem Jahr hat die Kölner Kripo bei einer Razzia 23 illegale Frauen aus dem "Pascha", Europas größtem Bordell, geholt, darunter auch Minderjährige.
Menschenhandel ist ein so genanntes Kontrolldelikt. Das heißt, dass die Opfer keine Möglichkeit haben, von sich aus zur Polizei zu gehen, weil sie von den Menschenhändlern bedroht und erpresst werden. Sie haben keine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis und sind im Sinne des Ausländerrechts Täterinnen, die erst durch eine Polizei-Kontrolle - deshalb Kontrolldelikt - gefasst werden. Die Opfer können bestraft und abgeschoben werden, die Schuldigen kommen meist ungestraft davon.
"Haben Sie es nicht doch gewollt?", werden die Opfer oft gefragt
Um Menschenhändler dingfest zu machen, ist die Polizei auf die Aussagen der Opfer angewiesen. Viele Frauen geben bei Vernehmungen jedoch nicht zu: Ich bin ein Opfer. Sie fühlen sich schuldig, wollen nicht, dass ihre Familien erfahren, was ihnen widerfahren ist, fürchten sich vor Repressalien der Menschenhändler.
Die schwer traumatisierten Frauen, die kein Deutsch sprechen, sollen wieder und wieder die Geschichte ihrer Demütigung erzählen. ",Haben Sie es nicht doch gewollt?', ist eine Frage, die sie in Gerichtsprozessen immer wieder hören müssen", empört sich Lea Ackermann. "In zwei Jahren hat Solwodi 91 Zeuginnen zu Menschenhandelsprozessen begleitet", berichtet sie. Unverständlich findet sie, welch geringe Strafen manchmal anfallen. Ein Kampf gegen Windmühlen, der sich nie gewinnen lässt. "Aber Zahlen sind mir egal. Wenn es nur eine Frau in Deutschland gibt, die festgehalten wird, damit sie Kunden in einem Amüsierbetrieb zur Verfügung steht, dann ist das eine zuviel."
Im Grunde würden die Frauen zweimal zu Opfern, meint der Strafrechts-Professor Joachim Renzikowski aus Halle. In Deutschland werde das Opfer zuerst durch Zuhälter und Freier instrumentalisiert, danach durch den Staat, der die Frauen ausweise. Habe ein Opfer im Strafverfahren seine Schuldigkeit als Zeugin getan, so könne es getrost nach Hause gehen - "und das heißt zurück in das Elend, das es in die Zwangsprostitution getrieben hat", erklärte der Experte vor kurzem auf einer Fachtagung in Augsburg.
Um das Übel bei der Wurzel zu packen, muss sich vieles ändern, davon ist Lea Ackermann überzeugt. "Die wirtschaftliche Situation in den Ursprungsländern muss sich verbessern. Wenn Frauen Geld verdienen können, dann sind sie nicht so anfällig gegenüber den Verlockungen des Westens." In den Heimatländern müssen Aufklärungskampagnen laufen, die Mädchen vor den Praktiken der Menschenhändler warnen.
Kontrovers diskutiert: Die Bestrafung von Freiern
Und: Zwangsprostitution muss von der Gesellschaft geächtet werden. "Freier zu bestrafen - warum nicht? Bei anderen Delikten ist man auch nicht so zimperlich", meint Lea Ackermann. PolitikerInnen in Deutschland, darunter auch KDFB-Präsidentin Ingrid Fischbach und die bayerische Justizministerin und KDFB-Frau Beate Merk, unterstützen diese Forderung. Denn nach geltendem Recht machen sich Freier, die die Dienste von Menschenhandelsopfern in Anspruch nehmen, nicht strafbar. Das gilt selbst dann, wenn die Männer wissen, dass es sich bei den Frauen um Opfer von Kriminellen handelt. "Auch wenn ein Freier bewusst Zwangsprostituierte benutzt, um perverse sexuelle Phantasien auszuleben, kann er dafür meist nicht bestraft werden", erklärte Beate Merk am Internationalen Frauentag in Augsburg. Fest steht: Ohne die Nachfrage der Männer gäbe es keine Prostitution - und auch keine Zwangsprostitution. Eine Strafe, so hofft Merk, würde viele Herren abschrecken und die Nachfrage austrocknen.
Einen Gesetzentwurf im Bundesrat hat sie dazu angekündigt, auch der Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD sieht vor, Freier von Zwangsprostituierten strafrechtlich zur Rechenschaft zu ziehen. Aber auf der Augsburger Fachtagung gab es auch skeptische Stimmen. Für die Münchner Amtsrichterin Susanne Hemmerich und für Peter Breitner, Dezernatsleiter im Münchner Polizeipräsidium, sind Freier als Belastungszeugen unentbehrlich. Freier können helfen, die Haupttäter, also die Zuhälter, dingfest zu machen. Freier können in Verfahren gegen Menschenhändler die Aussagen der Opfer bestätigen, deren Glaubwürdigkeit stärken und die Beweisführung erleichtern. Manche Freier erstatten selbst Anzeige, weil sie sich in ein Mädchen verlieben und es retten wollen oder einfach, weil sie das schlechte Gewissen plagt. Als Zeugen sind die Männer zur Aussage verpflichtet, als Beschuldigte könnten sie sich weigern auszusagen - was die Verfolgung der Zuhälter erschweren würde.
Eine auf Dauer angelegte Vergewaltigung
Die Sache hat noch einen anderen Haken: Man müsste nachweisen, dass ein Mann wissentlich oder leichtfertig die Dienste einer Zwangsprostituierten in Anspruch nimmt, um ihn zu bestrafen. Das wird in der Praxis sehr schwer sein. Die BR-Journalistin Inge Bell weiß aus ihren jahrelangen Recherchen im Internet, dass sich Freier ahnungslos geben. Auf der Augsburger Fachtagung berichtete sie, dass sich Freier im Netz in zahlreichen Foren ungeniert über Prostituierte und Bordelle austauschen. Dabei tragen sie sich nicht mit bösen Absichten, seien selten daran interessiert, die Frauen selbst handgreiflich zu quälen, und schwärmen vom Mythos der warmherzigen Osteuropäerin. Dass sie dabei von denjenigen profitieren und sie bezahlen, die die Frau verschleppt haben, dass sie selbst Ausführende einer auf Dauer angelegten Vergewaltigung sind, mache sich kaum einer von ihnen klar.
Manchmal dämmere es dem einen oder anderen Teilnehmer eines Internetforums: "Ich erinnere mich daran, dass sie sehr nervös war und eine Zigarette rauchen musste, bevor sie überhaupt sprechen konnte... Ich sagte ihr, dass es okay sei, wenn sie nichts mit mir machen wollte... Als sie wieder aus dem Bad rauskam, da war ich zu schwach zu widerstehen..., stattdessen nutzte ich die Situation aus und hatte Sex mit ihr... Sie hatte mir auch gesagt, dass sie eigentlich als Musikerin arbeiten wollte, und sie heulte, als sie sagte, dass sie stattdessen in der Prostitution gelandet ist." So der von Inge Bell aufgezeichnete Internet-Beitrag eines Freiers.
Frauen- und Menschenrechtsorganisationen sind überzeugt: Freier können Zeichen setzen. Sie können die Lage von Zwangsprostituierten billigend hinnehmen oder aber typische Angebote meiden. Sie können auf Anzeichen einer Zwangslage der Frau achten. Sie können ihr Hilfe anbieten, etwa einen Anruf per Handy bei einer Hilfsorganisation, oder die Polizei einschalten, auch anonym.
Um Freier zu informieren, hat der Frauenbund eine Postkartenaktion gestartet. Die Aktion wendet sich an die riesige Zahl der Männer, die Sex kaufen. Nach Schätzungen der Prostituiertenvereinigung Hydra hat jeder dritte Mann in Deutschland bereits einmal die Dienste einer Prostituierten in Anspruch genommen. Täglich suchen etwa eine Million Männer eine Prostituierte auf und kaufen jährlich 250 Millionen sexuelle Dienstleistungen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie es unwissentlich oder wissentlich mit Frauen zu tun haben, die diesen Job nicht freiwillig machen.
Eva-Maria Gras