Für Mechthild Keller ist soziales Engagement seit Jahrzehnten Ehrensache. Drei Wahlperioden amtierte die Kölnerin im Frauenbund als Diözesanvorsitzende, bevor sie diese Aufgabe vor einem Jahr ihrer Nachfolgerin übergab. Jetzt hat sie sich einen neuen Wirkungskreis gesucht, von dem sie gerne erzählt.
Beispielsweise von dem kleinen Jungen mit den dunklen Augen. Sie war ihm im Kindergarten begegnet. Und er hatte sich immer wieder mit denselben eindringlichen Worten an Mechthild Keller gewandt: "Du nicht Keller, du Frau!" Mit Nachdruck wiederholte er diesen Satz. Erst wusste Mechthild Keller nicht recht, was gemeint war. Dann ging ihr ein Licht auf. Etwas gerührt verrät sie: "Der Kleine wollte meinen Namen nicht mit einem dunklen Keller in Verbindung bringen."
Kein Wunder, denn schließlich ist Frau Keller ein Lichtblick im Kindergarten am Glockenblumenweg in Köln-Holweide. Der Stadtteil ist ein sozialer Brennpunkt mit hohem Ausländeranteil. Viele türkische Familien leben dort. Sie tun sich schwer mit der deutschen Sprache. Viele Kinder werden von ihren Eltern nicht gefördert. Deshalb haben die Erzieherinnen Mechthild Keller angesprochen. Jetzt ist die KDFB-Frau ehrenamtliche Vorlese-Omi.
Einmal pro Woche kommt sie mit einem Stapel Kinderbücher nach Holweide. Mal ist Rotkäppchen dran, mal eine Seeräuber-Geschichte, dann wieder die Prinzessinnen-Welt. Mechthild Keller kann mittlerweile gut einschätzen, was ihrer Zuhörerschaft gefällt. "Die Fünfjährigen bevorzugen Action-Geschichten oder "Die kleine Hexe", bei den Kleineren sind Tiergeschichten mit Elefanten und Pinguinen der Renner." Wer vorliest, muss auch damit rechnen, dass eine Geschichte mal nicht so gut ankommt. "Kinder sind kritisch, das muss man ertragen", meint die Vorlese-Omi. Und Kinder wissen genau, was sie wollen: Wenn Rotkäppchen dran ist, muss Mechthild Keller die einzelnen Rollen verkörpern. Sie schnarcht, wenn der Wolf schnarchen soll, sie spricht mit hoher, zarter Stimme, wenn Rotkäppchen Angst hat. "Wenn man das Märchen vorliest, wird man selbst zu Rotkäppchen", verrät sie. Durch ihren lebendigen Vortrag wird aus den gedruckten Worten der Kinderbücher ein tolles Abenteuer.
Das Ehrenamt bringt Mechthild Keller viel Spaß. Die ausgebildete Krankengymnastin hat früher mit körperbehinderten und haltungsgeschädigten Kindern gearbeitet. Dass sie, die selbst kinderlos ist, einen guten Zugang zu Kindern hat, war ihr bewusst. Das Ehrenamt gibt ihr die Gelegenheit, mit der jungen Generation in Kontakt zu bleiben. "Ich verfolge die Entwicklung von einzelnen Kindern. Ihre Sprachbeherrschung wird mit der Zeit immer besser, vor allem, weil ich sie die Geschichten mit eigenen Worten nacherzählen lasse. Wenn die Kinder dann in die Schule kommen, bin ich traurig", gesteht die KDFB-Frau.
Wie die Kinder von Holweide ist jeder darauf angewiesen, dass es andere, Ältere, Erfahrenere gut mit ihm meinen. Der Generationenvertrag ist eine Herzenssache und reicht weit über die eigene Lebensspanne hinaus. Das zeigt eine Geschichte, die aus vielen Kulturen überliefert ist:
Ein alter Mann pflanzt in seinem Garten einen Nussbaum. Ein anderer, der zufällig vorbei kommt, fragt, was er da mache. "Ich pflanze einen Nussbaum!" ? "Wieso das?", fragt der andere, "du bist so alt, du wirst die Nüsse nicht mehr ernten können!" ? "Das weiß ich", antwortet der Gärtner, "auch ich habe Nüsse von Bäumen gegessen, die ich nicht gepflanzt habe."
Eva-Maria Gras
Aus KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Dossier 1/2008