Therese Ullrich – eine Kämpferin für Frauenrechte
Stellen Sie sich eine kleine Frau vor, kaum 80 Pfund schwer, die im tiefsten Allgäuer Winter durch kniehohen Schnee stapft, um katholische Landfrauen für den KDFB zu begeistern. Pferde gehen durch, die Verpflegung fehlt, das Waschwasser ist eingefroren – und sie fährt trotzdem. Das war Therese Ullrich. Und das war erst der Anfang.
Vor 45 Jahren, am 3. April 1981, verstarb Therese Ullrich im Alter von 92 Jahren in Landsberg am Lech. Sie war von 1920 bis 1947 hauptamtliche Mitarbeiterin im KDFB Landesverband Bayern. Sie scheute weder Kraft noch Zeit und setzte sich unermüdlich für die Anliegen des KDFB ein.
Therese Ullrich fuhr trotz einer körperlichen Behinderung unter widrigsten Bedingungen quer durch Bayern, weil sie davon überzeugt war, dass es wichtig sei, dass katholische Frauen sich im KDFB zusammenschließen. 233 KDFB-Zweigvereine verdanken ihr ihre Existenz, darunter auch ihr Heimatzweigverein Landsberg am Lech. Im Laufe der Jahre hielt sie Tausende von Vorträgen zu allen Fragen des Frauenlebens. Mit ihrer mitreißenden Art gelang es ihr, Frauen für den KDFB zu begeistern.
Viele wurden von ihr inspiriert – von ihrer Persönlichkeit, ihren Worten und ihrem Beispiel. „Ulrika“, wie sie genannt wurde, war begeistert vom „Bildungshunger in den Augen der Frauen“, die scharenweise in ihre Veranstaltungen strömten.
Herkunft und schwieriger Lebensstart
Therese Ullrich wird am 25. Oktober 1888 im Weiler Sandau bei Landsberg am Lech geboren. Bereits 1912 ist sie Gründungsmitglied des KDFB-Zweigvereins Landsberg – ein früher Beleg dafür, wie sehr ihr das Engagement für Frauen am Herzen lag. Nach dem Ersten Weltkrieg zieht sie nach München um. Wegen eines schweren Knochenleides, das eine starke Körperbehinderung umfasste und sie in Kinder- und Jugendjahren viel ans Bett fesselte, konnte sie erst mit 30 Jahren eine Berufsausbildung beginnen. Von 1918 bis 1920 besuchte sie die von Ellen Ammann gegründete sozial-caritative Frauenschule.
Pionierarbeit auf dem Land
Schon während dieser Zeit ließ sich Therese Ullrich nicht einschüchtern. Als sie im Winter 1918/1919 Vorträge zum eben erst eingeführten Frauenwahlrecht halten wollte, wurde sie immer wieder angefeindet und angegriffen. Sie redete trotzdem – nur ihren Auftritt am 2. Januar 1919 ließ sie ausfallen, nachdem junge Männer mit knüppeldicken Stöcken auf sie eingeschlagen hatten.
1921 wurde sie in der Geschäftsstelle des KDFB Bayern für die Landfrauenarbeit angestellt. Die Aufgabe war nicht einfach, denn sie bedeutete endlose Fahrten in der ungepolsterten 4. Klasse der Eisenbahn, bei Kälte, Regen oder Schnee. Die KDFB-Veranstaltungen für die Landfrauen fanden hauptsächlich im Winter statt, denn im Sommer hatten die Landfrauen keine Zeit. Und auch der Empfang vor Ort war zu Beginn ihrer Reisetätigkeit nicht immer herzlich: „Nicht gerade immer mit großer Freude wurde ich von alten, sehr konservativen Geistlichen empfangen, denen war der Frauenbund noch irgendwie etwas wie die englischen Suffragetten, und ich habe mehr als einmal bittere Worte einstecken müssen.“ Therese Ullrich ließ sich davon nicht beirren. Die Zahl der von ihr gegründeten Zweigvereine wuchs kontinuierlich von Jahr zu Jahr. Sie gehörte zu den Pionierinnen, zu den KDFB-Frauen der ersten Generation, deren Begeisterung und Opferbereitschaft so groß waren, dass sie keine Mühe und keine Enttäuschung aufhalten konnte.
Humor als Waffe gegen die Gestapo
Während der NS-Zeit durfte nur noch religiöse Bildungsarbeit weiterlaufen. Bis 1945 wurde diese trotz Drohung und Bombengefahr aufrechterhalten. Einmal wurde Therese Ullrich zwei Stunden lang von der Gestapo verhört. Sie wurde angezeigt, weil sie noch immer auf Reisen ging, obwohl „die Räder nur für den Sieg“ rollen sollten. Therese Ullrich kommentierte dies mit entwaffnendem Humor: „Die Belastung der Bahn dürfte durch meine 80 Pfund, die ich der guten Kriegskost verdanke, nicht allzu groß sein.“
Neuanfang nach dem Krieg
Nach Kriegsende war die KDFB-Arbeit fünf Monate lang ganz stillgelegt. Therese Ullrich wurde ausgebombt, die Landesgeschäftsstelle in München lag ebenfalls in Trümmern. 1946 fand die erste Nachkriegs-Sitzung der Landfrauenvereinigung statt.
Therese Ullrich übernahm die Geschäftsführung, bis sie sie 1947 wegen einer schweren Erkrankung abgeben musste. Ihre Begeisterung für die Arbeit des Frauenbundes erlosch jedoch nicht. Aushilfsweise sprang sie immer wieder ein, soweit es ihre Kräfte erlaubten. Bis zu ihrem Tod am 3. April 1981 blieb sie dem Frauenbund als wichtige Beraterin verbunden.
2025 Aufnahme in „FrauenOrte Bayern“
Beim Umbau des Ellen-Ammann-Hauses in der Münchner Schraudolphstraße wurden 1986 ihre 1956 gefertigten handschriftlichen Aufzeichnungen gefunden. Wer sie liest, bekommt einen unmittelbaren Eindruck davon, was es bedeutete, in dieser Zeit als Frau für Frauen zu arbeiten – mit Überzeugung, Humor und einer Hartnäckigkeit, die auch widrigste Umstände nicht brechen konnten.
45 Jahre nach ihrem Tod lohnt es sich, an Therese Ullrich zu erinnern. Nicht nur als historische Figur, sondern als Vorbild: für ein Engagement, das auch dann nicht erlahmt, wenn die Bedingungen schwierig sind. Der KDFB, den sie mitgeprägt hat, trägt noch heute ihr Erbe – in jedem Zweigverein, in jeder Frau, die sich ehrenamtlich einbringt. Seit 2025 ist Therese Ullrich Teil des Projektes „FrauenOrte Bayern“, das Frauen würdigt, die die Geschichte Bayerns mitgeprägt haben – eine Anerkennung, die längst überfällig war. Seit Anfang März 2026 erinnert in Landsberg am Lech am Heilig-Geist-Spital, in dem sie lange gelebt hat, eine Plakette „FrauenOrte Therese Ullrich“ an die beeindruckende KDFB-Frau.
Text: Gerlinde Wosgien
