KDFB

Einführung des Frauenwahlrechtes aus KDFB-Sicht

Bis 1908 dürfen Frauen keiner Partei beitreten. Erst am 15. Mai 1908 tritt ein einheitliches Reichsvereinsgesetz in Kraft, das Frauen das Recht auf uneingeschränkte politische Vereinsbildung und Parteiarbeit ermöglicht. Allerdings dürfen sie immer noch nicht selbst wählen bzw. können nicht gewählt werden. Das ändert sich erst im November 1918.

Am 7. November 1918 proklamiert Kurt Eisner den republikanischen "Freien Volksstaat Bayern". Das Königshaus Wittelsbach wird abgesetzt, und einen Tag später führt die neue Regierung unter Kurt Eisner das Frauenwahlrecht ein. Im Provisorischen Nationalrat sitzen acht Frauen, unter anderem Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann.

Am 12. November tritt nach der Abdankung des deutschen Kaisers Wilhelm II. und dem Ende des Ersten Weltkriegs bzw. der Ausrufung der Republik reichsweit das Frauenwahlrecht in Kraft. Für dieses Recht haben sich weite Teile der Frauenbewegung eingesetzt. Der Katholische Frauenbund hielt sich jedoch zurück. Lida Gustava Heymann versucht noch vor dem Ersten Weltkrieg, Ellen Ammann für die Unterstützung der Ziele ihres gemeinsam mit Anita Augspurg 1902 gegründeten "Deutschen Vereins für Frauenstimmrecht" zu gewinnen, diese lehnt jedoch ab:

"Nein, Frau Heymann, davon kann für uns noch nicht die Rede sein! Glauben Sie mir, ich würde, begänne ich heute bereits mit solcher Propaganda, auch Ihren Absichten mehr schaden als nützen. Eines aber versichere ich Sie, wenn dann der richtige Augenblick kommt, bedarf es nur eines Wortes von mir ..., um all meine Mitglieder sofort ohne irgendwelche weitere Vorbereitung auf den Plan zu rufen."

Frauenbund reagiert auf Frauenwahlrecht mit intensiver politischer Bildungsarbeit

Nachdem im November 1918 der "richtige Augenblick" gekommen ist, bemüht sich der Katholische Frauenbund sofort um eine Verstärkung der staatsbürgerlichen Schulungs- und Bildungsarbeit. Zwischen November 1918 und Januar 1919 werden unzählige politische Veranstaltungen durchgeführt. Marie Zettler, damalige Landessekretärin des KDFB, schreibt dazu 1920 in der Januar-Ausgabe der Zeitschrift "Bayerisches Frauenland":

"Seitdem die ... Novembertage 1918 der Frau die politische Mündigkeit brachten, herrscht überall im Bunde rege Schulungsarbeit. Es galt vor allem Kräfte heranzubilden, die unsere katholische Frauenwelt in das politische Leben einzuführen verstanden und ihr ein gewiß Teil politisches Mitdenken und Mitarbeiten als neue Frauenpflicht nahe zu bringen wußten."

In der KDFB-Jubiläumsschrift für das Jahr 1929 erinnert Marie Zettler nochmals an diese bewegte Zeit:

"Was in jenen Tagen an Vorträgen und staatsbürgerlicher Orientierung geleistet wurde und nur durch die ziemlich ausgebaute Organisation möglich war, könnte eine kleine Kartothek erzählen, in der bei den Namen der zur Verfügung stehenden Rednerinnen die Orte und Daten notiert wurden, wo und wann sie zu sprechen hätten. Wer anders hätte in diesen schwierigen Tagen auch die Führung übernehmen können, als der Katholische Frauenbund! Bei ihm meldeten sich auch sofort weibliche Rednerkräfte aus allen Schichten."

Enormer Mitgliederzuwachs zwischen November 1918 und Januar 1919

Die politische Bildungsarbeit des KDFB nach Einführung des Frauenwahlrechtes lohnt sich. Von Anfang Dezember 1918 bis zum Wahltag am 12. Januar 1919 werden in Bayern und der Pfalz 72 neue KDFB-Zweigvereine mit etwa 10.000 neuen Mitgliedern gegründet. 

Landtagswahl in Bayern und Wahl zur Nationalversammlung im Januar 1919

Im Januar 1919 dürfen die bayerischen Frauen an zwei Wahlen teilnehmen: Am 12. Januar findet die Wahl zum Bayerischen Landtag statt, am 19. Januar die Wahl zur verfassunggebenden Nationalversammlung. Mit einer Wahlbeteiligung von 82,3% stellen sie ihr politisches Interesse unter Beweis. Mehrheitlich wählen sie dabei konservative Parteien (Zentrum bzw. Bayerische Volkspartei). Die Sozialdemokraten und Kommunisten erhalten dagegen wesentlich mehr Stimmen von Männern als von Frauen. 

Ellen Ammann, die von 1919 bis 1932 Mitglied des Bayerischen Landtags ist, schreibt rückblickend 1929 im "Bayerischen Frauenland" in dem Artikel "Zehn Jahre Frauenstimmrecht": "Das war ein erfreulicher Anfang." Allerdings gibt sie auch zu bedenken: "Eines ist ... nicht gelungen, und das ist, genügend Vertreterinnen in die Organisationen der Parteien und in die politischen Körperschaften hineinzubringen." 

Von den 310 Frauen, die kandidiert hatten, zogen lediglich 41 Parlamentarierinnen in die Nationalversammlung ein. Alle sechs weiblichen Abgeordneten des Zentrums im Reichstag sind eng mit dem Katholischen Deutschen Frauenbund verbunden. Marie Zettler, die Landessekretärin des KDFB Landesverbandes, sitzt vom 19. Januar 1919 bis 30. Juni 1920 im Reichstag.

Ellen Ammann setzt als Landtagsabgeordnete Impulse

Trotzdem schaffen die ersten Parlamentarierinnen es, Spuren zu hinterlassen. Gerade von Ellen Ammann gehen in der Folgezeit als Abgeordnete der Bayerischen Volkspartei im Bayerischen Landtag bedeutende Impulse aus. In ihrer parlamentarischen Arbeit ist sie vor allem für folgende Ressorts und Ausschüsse zuständig: Gesundheitswesen, Jugendfürsorge, öffentliche Fürsorge und Wohlfahrtswesen.

Am 21. Juni 1919 ergreift sie im Landtag zum ersten Mal das Wort. Ihre Arbeit als Abgeordnete fällt in eine politisch turbulente Zeit: neue Revolutionswellen, Kapp- und Hitlerputsch, häufige Wahlen und Kabinettsumbildungen, das Anwachsen des Nationalsozialismus. Trotz ihrer politischen Tätigkeit bleibt Ellen Ammann bis zu ihrem Tod im November 1932 KDFB-Landesvorsitzende und Vorsitzende des Zweigvereins München. Bis 1920 sitzt auch Therese Schmitt, die Vorsitzende des pfälzischen Kreisausschusses, im Bayerischen Landtag.

KDFB-Frauen engagieren sich nach Einführung des Frauenwahlrechtes auch in Kreistagen, Bezirkstagen sowie als Stadträtinnen. Dennoch bleiben sie lange Zeit einsame Kämpferinnen in einer traditionell männerdominierten Politik.

Autorin: Gerlinde Wosgien

Auszüge aus: Neun Jahrzehnte starke Frauen in Bayern und der Pfalz. Chronik des Bayerischen Landesverbandes des Katholischen Deutschen Frauenbundes 1911 - 2001, München 2001

 

Ellen Ammann war keine Vorkämpferin für das Frauenwahlrecht, aber nach dessen Einführung setzte sie sich intensiv für die politische Bildung von Frauen ein:
Die ersten sechs weiblichen Zentrumsabgeordneten waren alle Mitglied im KDFB; vordere Reihe v.l.; Maria Schmitz, Hedwig Dransfeld, Agnes Neuhaus, Helene Weber; stehend v.l.: Christine Teusch, Marie Zettler; Foto: KDFB